Sexualisierte Belästigung und Gewalt in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung: Interview mit Marlene Krubner
„Überall wo viel Abhängigkeit ist, ist auch ein Nährboden für Gewalt.“
Könnten Sie sich kurz vorstellen und auf Ihre Arbeits- und Themenschwerpunkte eingehen?
Krubner: Ich heiße Marlene Krubner und bin in der Disability Justice Bewegung tätig, vor allem für die „Selbstbestimmt Leben Bewegung“ und gegen Gewalt an Menschen mit Be-hinderungen. Diese zwei Themen gehen für mich sehr stark miteinander einher und in diesem Rahmen beschäftige ich mich auch mit der Forschung. Außerdem bin ich seit Anfang des Jahres Mitglied des unabhängigen Monitoringausschusses für die Einhaltung der Rechte für Menschen mit Behinderungen in Österreich. Heute bin jedoch ich in meiner Rolle als Aktivistin der Disability Justice Bewegung hier.
Sie setzen sich intensiv und kritisch mit Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen auseinander. Könnten Sie daher bitte kurz erläutern, welche Missstände in Wohn- und Pflegeeinrichtungen für Menschen mit Behinderungen herrschen?
Krubner: Das Thema ist ein sehr großes, weil es ganz viele Missstände gibt, aber ich würde versuchen, dem einen Rahmen zu geben, damit auch verständlich wird, warum das so problematisch ist. In Institutionen gibt es ein sehr hierarchisches Machtverhältnis zwischen den Bewohner*innen und dem Betreuungspersonal, da Bewohner*innen in verschiedensten Lebensbereichen Unterstützung brauchen und somit abhängig sind. Das Personal hat da ganz viel Entscheidungsmacht im Alltag der Menschen. Dadurch entwickelt sich eine Machtdynamik und diese Abhängigkeit schafft dann Raum für interpersonale Gewalt. Über-all wo viel Abhängigkeit ist, ist auch ein Nährboden für Gewalt. In jeder Einrichtung gibt es strukturelle Gewalt. Das bedeutet, Bewohner*innen können sich nicht selber aussuchen, wann sie in der Früh aufstehen oder am Abend ins Bett gehen wollen, was sie wann essen oder auch mit wem sie zusammenleben. Diese strukturelle Gewalt führt dann zu interpersonaler Gewalt, weil eben Betreuer*innen ganz viel Macht haben und sich dadurch auch ermächtigt fühlen und unterschiedliche Gewaltformen ausüben. Das kann physisch, psychisch oder auch sexualisierte Gewalt sein, wovon vor allem Frauen und TIN* Personen betroffen sind. Zudem gibt es in Einrichtungen wenig Selbstbestimmung, eigentlich fast gar keine. Die Gewalt ist ganz oft unsichtbar und kann nicht nach außen getragen werden, weil Einrichtungen geschlossene Systeme sind.
Sie haben bereits angeschnitten, dass es sich auch um sexualisierte Gewalt und Belästigung handelt. Gibt es da spezifische Verhältnisse, die genau diese Form von Gewalt in den Einrichtungen begünstigen? Auch wenn man höchstwahrscheinlich die verschiedenen Gewaltformen schwer als völlig voneinander getrennt betrachten kann, da sie sich häufig gegenseitig beeinflussen.
Krubner: Ja, genau. Man kann die Täter*innen in zwei Kategorien unterteilen:
Das ist einmal das Betreuungspersonal, und hier ist eben auch das große Problem, dass sich die Bewohner*innen nicht aussuchen können, von wem sie unterstützt werden wollen und dann enorm von den Personen abhängig sind, die dann da sind und von den Personen, die von der Institution zur Verfügung gestellt werden. Dadurch fühlen sich, wie gesagt, Betreuungspersonen ermächtigt und haben keine Weisungsgebundenheit gegenüber den Bewohner*innen. Das heißt, sie können in etwa machen, was sie wollen. Es fehlt das Recht auf Privatsphäre in den Einrichtungen und wird nicht ernst genommen, sodass sich die Grenzen immer mehr verschieben. In einer Studie aus 2019 von Mayrhofer steht, dass ein Drittel der Bewohner*innen in Einrichtungen der Behindertenhilfe keine Möglichkeit haben, ihr eigenes Zimmer, die Toilette oder das Badezimmer zuzusperren. Das muss man sich erstmal vorstellen. Dazu kommt natürlich auch die Situation der Körperpflege, die für Täter*innen, die Betreuungspersonal sind, Übergriffe erleichtern, weil das ja auch oft im eins-zu-eins-Setting passiert.
Die zweite Täter*innengruppe sind andere Mitbewohner*innen. Hauptsächlich handelt es sich dabei auch um Menschen mit Behinderungen, die ich auch eher männlich lesen würde. Das Problem ist, dass Menschen mit Behinderungen keinen Zugriff zu sexueller Aufklärung haben. Durch diesen großen Mangel haben die Täter*innen manchmal gar kein Verständnis darüber, was das bedeutet. Es wäre auf jeden Fall gewaltpräventiv, wenn Aufklärung normalisiert werden würde, aber natürlich ist es auch mit ganz viel Willkür verbunden. Es geht hierbei nicht darum, Täter*innen zu entschuldigen. Täter*innen mit Behinderung werden oft verkindlicht; so nach dem Motto „Hä nein, das ist ja nicht so“ oder „Das ist ja nicht so wild“. Genau das hat ganz viel mit dem ableistischen Gedankengut zu tun, was wir in der Gesellschaft haben, dass Menschen mit Behinderungen keine normalen Menschen seien, sondern süß und klein seien und auch gar keine sexuellen Kontakte haben wollen würden. Dadurch wird es zu einem Tabuthema.
Gibt es in diesem Rahmen auch differenziertere Datenerhebungen zu Erfahrungen von sexualisierter Belästigung und Gewalt in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung?
Krubner: Die Datenlage sieht eher schlecht aus, weil die Politik es nicht priorisiert, diese Daten zu erheben. Es gibt oft Studien, die zwischen Frauen und Männern als Gewaltopfer unterscheiden. Zu FLINTA* Personen gesondert jedoch gar nicht. Es gibt eine Studie in Österreich, die ich sehr schätze. Die Studie von Mayrhofer ist aus 2019 und somit noch mehr oder weniger aktuell. Es war eine ganz große Studie und wurde vom Bundesministerium angefragt. Es wird aber nicht sehr intersektional gedacht. Solche Studien sind total wichtig, aber die Dunkelziffern von Gewaltvorfällen sind trotzdem enorm hoch, weil sich die behinderten Menschen oft nicht trauen, in so einem Setting das anzusprechen. Das ist natürlich schwierig.
Können Sie noch hinzufügen, welche Ergebnisse Sie in diesem Rahmen besonders relevant finden?
Krubner: Ja, es gibt einige relevante Ergebnisse: Von allen Befragten haben über 70 % in ihrem bisherigen Leben physische Gewalt erlebt. Ich würde sehr wichtig finden, dass das mit reinkommt. Dazu haben über 60 % sexualisierte Gewalt in ihrem Leben erlebt. Was in dieser Studie auch so interessant war, ist, dass Menschen oder Frauen ohne Behinderungen grundsätzlich auf die Lebenszeit gerechnet mehr sexualisierte Gewalt erleben, also sozusagen häufiger. Frauen mit Behinderungen erleben aber schwerere sexualisierte Gewaltformen. Bei Frauen mit Behinderungen ist demnach viel mehr körperliche Gewalt dabei.
Für mich ist schon sehr eindrücklich, dass man wieder sieht, dass die Täter*innen sich sehr sicher dabei fühlen, behinderten Frauen auch körperlich sexuelle Gewalt anzutun. Was ein weiteres sehr signifikantes Ergebnis war, ist, dass die Täter*innen von Frauen mit Behinderungen fast ausschließlich Männer waren und Täter*innen von Männern mit Behinderungen auch überwiegend Männer.
Sie hatten bereits angemerkt, dass Sie denken, dass die Politik auch eine Rolle darin spielt, dass nicht so viele Studien erhoben werden. Könnten Sie noch weiter darauf eingehen, warum nicht so viele Studien erhoben werden? Würden Sie sagen, dass es eine Rolle spielt, dass Menschen mit Behinderungen oft aberkannt wird, dass ihr Leben nicht ausschließlich aus der Behinderung besteht?
Krubner: Ich glaube, der erste Grund, warum die Datenlage so schlecht ist, ist, dass qualitative Forschung und Forschung, auf die man sich guten Gewissens beziehen kann, alle zum Schluss kommen, dass die De-Institutionalisierung vorangetrieben werden muss und das liegt gerade nicht ganz im Interesse der Politik. Die Schritte, die auch politisch (ich kenne mich dabei besser mit österreichischer Politik aus) gemacht werden, sind gar nicht de-institutionalisierend, sondern es wird sich sehr auf das alte System gestützt. Wenn dann wieder eine Studie kommt, die das wieder belegt, dann kommen sie in eine missliche Lage. Das wäre meine Einschätzung. Natürlich ist es aber auch ein Thema, das Menschen mit Behinderungen nicht als gewöhnlicher Bestandteil einer Gesellschaft gesehen werden und die Themen auch öffentlich selten aufkommen, außer in Aktivist*innen-Bubbles. In der Öffentlichkeit sind Menschen mit Behinderungen noch die Minderheit, weil sie eben segregiert werden, sodass solche Themen gar nicht aufkommen.
Menschen mit Behinderungen erleben oft verschiedene Formen von Benachteiligung gleichzeitig. Inwiefern kann das dazu führen, dass sie besonders gefährdet sind sexualisierte Gewalt und Belästigung in Einrichtungen zu erleben?
Krubner: Ja, natürlich. Das Geschlecht ist ein sehr markanter Faktor. Das was Sie ansprechen, ist ja die Intersektionalität. Umso mehr Minderheitenmerkmale, oder Achsen der Signifikanz nennt man das oft in der Forschung, dazukommen, desto mehr werden bestimmte Personen diskriminiert. Wir wissen, dass Frauen generell in der Gesellschaft, also auch Frauen ohne Behinderungen, ganz viel sexualisierte Gewalt erleben. Bei Frauen mit Behinderungen kommt die Eigenschaft der Behinderung dazu und deshalb erhöht sich das zu einem gewissen Faktor. Man kann jetzt nicht explizit sagen, dass es sich verdoppelt, wobei es auch Studien gibt, die belegen, dass Frauen mit Behinderungen zwei bis dreimal öfter sexualisierte Gewalt erleben als Frauen ohne Behinderungen. Wir wissen, dass Frauen ohne Behinderungen schon so viel Gewalt erleben, weshalb es eine sehr traurige Realität ist. Natürlich kommen auch noch andere Marginalisierungen dazu. Menschen, die von Rassismus betroffen sind, erleben auch viel häufiger Gewalt, eben wenn sie behindert sind dann noch mal mehr. Auch queere Personen oder generell trans* Personen erleben enorm viel Gewalt, auch in Einrichtungen der Behindertenhilfe, weil ihnen ihre trans* Identität abgesprochen wird. Es kommt eben alles zusammen, wird aber nicht aufgearbeitet. Das ist das Problem. Auch in den Ausbildungen für Sozialarbeiter*innen, Sozialpädagog*innen oder Fachpflegepersonal, gibt es keine Schulungen zu gesellschaftskritischen Themen. Derzeit wird es also auch nicht besser.
Inwiefern würden Sie sagen, dass Belästigungserfahrungen in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen auch mit sexualisierter Belästigung am Arbeitsplatz zusammenhängen?
Krubner: In Österreich haben wir da ein ganz großes Problem. Die Trägerorganisationen von den Wohneinrichtungen sind ganz häufig auch die Trägerorganisationen von Tagesstrukturen. Menschen, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe wohnen, arbeiten auch zum Großteil in Tagesstrukturen. Das begünstigt sich also gegenseitig. Natürlich werden dann auch Gewaltvorfälle sehr stark vertuscht. Solche Organisationen sind Konstrukte und die Menschen sind nie außerhalb von dieser „Sonderwelt“. Genau da kommt es eben darauf an, wie die Strukturen in der Organisation sind. Es ist schon etwas länger her, aber in Bad Oeyenhausen in Deutschland, wurde ein Riesensystem an Gewaltvorfällen und wie Mitarbeitende mit den Bewohner*innen umgingen, öffentlich. Das war eben auch so eine Sonderwelt, die Gewalt begünstigt.
Mehr Informationen zu dem Vorfall finden Sie hier.
Auch außerhalb von Tagesstrukturen ist es so, dass wenn Menschen in ihrem Leben in den Einrichtungen ganz viel Gewalt erleben und diese Gewalt immer wiederkehrt oder auch konstant ist, dann wird das oft auch als normal angesehen. Es geht dabei um den sogenannten Erlebnishorizont. Wenn man das von klein auf gewöhnt ist, dass man geschlagen wird, oder dass man belästigt wird oder das Zimmer nicht zusperren kann – weil auch das ist eine Form der Gewalt – dann wird das gar nicht mehr hinterfragt. Die Mayrhofer Studie weist auf, dass Menschen, die in ihrer Kindheit zum Beispiel Gewalt erlebt haben viel eher Gewalt erleben, wenn sie erwachsen sind.
Um noch etwas näher auf Ihre Frage einzugehen, würde ich die Verbindung zum Teil darin sehen, dass Gewalt am Arbeitsplatz weniger als Gewalt anerkannt wird, weil man ständig Gewalt in der Einrichtung erlebt. Dabei will ich auf keinen Fall negieren, dass es sich sehr schlimm anfühlt.
Ich würde hinzufügen, dass man, durch die Gewalterfahrungen, die man in der Einrichtung macht, viel weniger Selbstvertrauen oder Mut hat, auch am Arbeitsplatz für sich einzustehen. Vor allem Männer nutzen das am Arbeitsplatz aus. Ein weiterer Punkt, der dazukommt, ist die Angst, gekündigt zu werden, wenn man was meldet, weil Menschen mit Behinderungen am ersten Arbeitsmarkt sowieso sehr viel schlechtere Chancen haben.
Sie sind bereits sehr ausführlich auf die Missstände und die Gewalt-Verhältnisse eingegangen. Wie könnte denn gelungener Gewaltschutz aussehen? Es scheint offensichtlich einen sehr großen Bedarf danach zu geben.
Krubner: Ja, den gibt es auf jeden Fall. Das Ziel wäre es, diese Institutionen aufzubrechen und jedem Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Das ist die einzige Version, wo es möglich wäre, dass wirklich gar keine Gewalt passiert. Strukturelle Gewalt wird es in Institutionen nämlich immer geben. Aber wenn wir jetzt an dem Modell der Institutionen festhalten, dann wäre es präventiv, wenn Menschen mit Behinderungen auch in den Führungspositionen sind und kontrollierend tätig sein können, weil man als Teil der Community viel mehr Dinge sieht, da man das auch selbst erlebt hat und somit viel sensibler mit Gewalt und Prävention umgeht. Außerdem ist das eine ganz andere Dynamik, wenn ein Mensch mit Behinderung auch mal was in der Gesellschaft zu sagen hat. Da es um Menschen mit Behinderungen geht, könnte man das unter dem Motto „Nichts über uns ohne uns“ laufen lassen.
Ansonsten ist es enorm wichtig, externe Beratungsstellen oder Peer-Beratungen hinzuzuziehen und interne Lösungsversuche endlich mal hinten zu lassen, weil diese ganz offensichtlich nicht zielführend sind. Es wird alles immer ein bisschen unter den Teppich gekehrt, damit ja nichts nach außen dringt und dann hört man wieder die Schlagzeilen: „Auch in dieser Behinderteneinrichtung wurde eine Bewohnerin ermordet“ – oder sogar drei von einer Pflegerin. Das wird dann als dramatischer Einzelfall betitelt. Interne Lösungsversuche bringen also nichts.
Es wäre auch sehr wichtig, in Institutionen einen guten Krisenstab einzuführen, der bei Vorfällen sofort vor Ort ist und da auch Personen mit Behinderungen vertreten sein müssen. Gewalt-präventiv sind zusätzlich Fortbildungen zu Anti-Ableismus, damit irgendwann verstanden wird, dass ein behindertes Leben nicht weniger wert ist und die Person genau die gleichen Rechte hat. Das wären so die wichtigsten Punkte.
Ein weiterer Faktor wäre die Gewährleistung von räumlicher Trennung von Täter*innen, weil die Gewaltopfer oft über mehrere Monate bis Jahre lang ihren Täter*innen ausgesetzt sind. Viele Fälle werden nicht gemeldet, weil die Opfer wissen „Ich melde das, dann gibt es vielleicht ein Gespräch und dann muss ich mich vom Täter wieder pflegen lassen, oder er ist trotzdem noch im Zimmer nebenan und wohnt dort“.
Sie hatten De-Institutionalisierung an mehreren Stellen schon erwähnt. Ich halte es für sinnvoll, zu erklären, was man genau darunter versteht und inwieweit sich auch die UN-Staaten bzw. Deutschland dazu verpflichtet haben, dem nachzugehen.
Krubner: Ich verstehe unter De-Institutionalisierung, dass segregierende Institutionen aufgebrochen werden. Das sind zum Beispiel Einrichtungen der Behindertenhilfe, also zum Wohnen, Tagesstrukturen oder auch Sonderschulen. Genau in solchen Institutionen ist schlichtweg keine gleichberechtigte Teilhabe möglich. Alleine die Segregation stellt eine Menschenrechtsverletzung dar. Deutschland und eigentlich viele weitere EU-Staaten haben sich mit der UN-BRK – das ist die UN Behindertenrechtskonvention – dazu verpflichtet. Deutschland hat sie 2009 ratifiziert und Österreich 2008. Damit hat sich Deutschland dazu verpflichtet, Institutionen schrittweise abzubauen und für eine inklusive Gesellschaft zu investieren. Diesen Prozess versäumen aber ganz viele EU-Staaten.
Ich bekomme das vor allem bei Deutschland und Österreich mit. In Deutschland gibt es zumindest einen Rechtsanspruch auf persönliche Assistenz. Das ist in Österreich nicht der Fall. Der Zugang wird jedoch enorm erschwert. Auch die Organisation mit den Ämtern und das Ausverhandeln der Stundenlöhne laufen oft sehr holprig ab. Das ist mit ganz viel Arbeit verbunden, weswegen ganz viele Menschen mit Behinderungen noch in Institutionen reingedrängt werden. Vor allem, wenn sie eine Sonderschule besucht haben, ist das oft der einzige Weg, der ihnen auch angeboten wird.
Wie wichtig wäre Empowerment und die Ermächtigung zur Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen, wenn wir über Gewaltschutz reden?
Krubner: Sehr wichtig. Menschen mit Behinderungen werden in unserer Gesellschaft in allen Lebensbereichen enorm diskriminiert und das von klein auf, sodass es sich normalisiert, dass sie segregiert werden und dass sie keinen gleichberechtigten Zugang zu Gebäuden oder zu Unterstützung haben, die sie brauchen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Disability Justice Bewegung auch andere Menschen mit Behinderungen mitreißen kann und wir als Community auftreten und uns gegenseitig darin bestärken, dass wir es wert sind, selbstbestimmt zu leben, weil uns das abgesprochen wird.
Es wäre sehr wichtig, dass auch mehr Peer-Organisationen gefördert werden. Gerade haben wir in Österreich das Problem, dass als erstes bei Empowerment- und Peer-Organisationen eingespart wird. Das sind natürlich enorme Rückschritte, weswegen sich behinderte Menschen nicht mehr so einfach organisieren können und dadurch wieder weniger für ihre Rechte einstehen.
Sie hatten vorhin über Fortbildungen und Führungskräfte geredet und dass es vorteilhaft wäre, wenn Führungskräfte auch Menschen mit Behinderungen wären. Welche Rolle, würden Sie sagen, müssten Führungskräfte in den Einrichtungen eigentlich übernehmen, um den Gewaltschutz zu gewährleisten?
Krubner: Sie müssten auf jeden Fall für die Dinge, die in den Einrichtungen passieren, Verantwortung übernehmen. Es ist ganz oft so, dass es von den Führungskräften weggeschoben wird und dass die eher zur Zierde da sind. Aber eine gute Führungskraft macht ja aus, dass man gute Entscheidungsprämissen setzt. Wenn die Mitarbeitenden tun, was sie wollen, dann entwickeln sich auch gewaltbegünstigende Strukturen. Eine Führungskraft müsste aber einen guten Rahmen bieten; sagen: „Unser Ziel ist, dass die Menschen mit Behinderungen, die wir betreuen, so selbstbestimmt wie möglich leben können“, oder: „Unser Ziel ist, dass Menschen mit Behinderungen sicher in unserer Einrichtung wohnen können“. Es fehlt ganz oft an diesen Zielsetzungen. Natürlich ist auch das Thema mit der Unterfinanzierung und mit dem geringen Betreuungsschlüssel relevant, aber eine Führungskraft müsste einfach die richtigen Werte in einer Einrichtung vermitteln. Wenn dann auffällt, dass eine mitarbeitende Person oder ein Mitarbeiter irgendwie gewalttätig ist oder auch psychische Gewalt ausübt, muss das sofort unterbunden werden und Konsequenzen gezogen werden. Es wird einfach alles so hingenommen und dann, wenn es an die Öffentlichkeit gelangt, dann heißt es „Oh je, das haben wir ja gar nicht gewusst!“. Dass noch keine Gewaltvorfälle vor einem Mord passiert sind, das gibt es nicht.
Wie könnte es gelingen einen intersektionalen Ansatz zu verfolgen, wenn man über De-Institutionalisierung redet. Kennen Sie vielleicht schon gelungene Beispiele aus der Praxis?
Krubner: Das ist eine Frage, über die ich viel nachgedacht habe, weil ich darauf einen eher ernüchternden Blick habe. Mir kommt es so vor, als gäbe es nicht wirklich gelungene Beispiele, die ich kenne.
Es gibt schon eine Stelle, die haben wir in Wien, die heißt „Sonnenklar Peer -Streitschlichtung“. Die Stelle leistet ganz viel Aufklärungsarbeit und bietet Peer-Beratung in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen an, um dort eben Gewaltprävention umzusetzen. Die kann ich wirklich sehr empfehlen, aber es handelt sich dabei eher um eine unterstützende Säule, jetzt wo es noch viele Institutionen gibt.
Außerdem gibt es auch in Wien „Ninlil“ und einen Bereich der Stelle namens „Kraftwerk“. Das ist eine Peer-Beratungsstelle für Frauen mit Lernschwierigkeiten, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Sie bieten auch Peer-Beratung für Frauen mit Behinderungen ohne Lernschwierigkeiten an, aber ihr Fokus liegt wirklich sehr spezifisch für auf Frauen mit Lernschwierigkeiten, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Ich glaube, dass solche Organisationen enorm wichtig sind. Das Problem ist, dass wir gerade noch keine Einrichtungen haben, die aus der „Selbstbestimmt Leben“ Bewegung kommen.
Es scheint auf jeden Fall sinnbildlich für die Lage, dass es nicht genügend Beispiele aus der Praxis gibt. Hätten Sie noch weitere Anmerkungen oder Verweise, die wir noch nicht ansprechen konnten, die Sie gerne hinzufügen möchten?
Krubner: Ein Thema, was ich schon kurz angesprochen habe, ist die persönliche Assistenz; das ist ein ganz anderes Unterstützungssystem und auch die einzige Unterstützungsform für Menschen mit Behinderungen, die menschenrechtskonform ist. Die Unterstützungsform kommt eben aus der „Selbstbestimmt Leben“-Bewegung. Da sind die Menschen mit Behinderungen die Auftraggeber*innen und die persönlichen Assistenzen sind entweder ein Team oder vielleicht auch nur eine einzelne Person, die wirklich eins zu eins den behinderten Menschen unterstützen. Die Dynamik ist dabei eine ganz andere, weil die behinderte Person als vorgesetzte Person gilt und selber entscheiden kann, was sie wann und mit wem machen möchte. Ein essentielles Merkmal davon ist, dass man sich selber die Person aussuchen kann, die einen unterstützt. Das wirkt natürlich enorm gewaltpräventiv, weil man die Zusammenarbeit auch jederzeit beenden kann; natürlich mit arbeitsrechtskonformen Bedingungen. Der Ausbau genau solcher Zugänge zu persönlicher Assistenz wäre wichtig – auch in Deutschland, wo es den Rechtsanspruch gibt, weil es trotzdem oft an der Inanspruchnahme bei der Beantragung oder bei der Personalsuche scheitert. Persönliche Assistenz wirkt auch insofern gewaltpräventiv, weil das familiäre Netz entlastet werden kann und viel weniger Abhängigkeit vorhanden ist. Am Ende geht es immer um diese Abhängigkeit, die Gewalt begünstigt. Wenn ich aber meine eigenen sensibilisierten Angestellten habe und sie von mir, oder stellvertretend von einer Organisation, ihren Lohn bekommen und wissen, dass ihr Job die Unterstützung einer Person ist, dann kann gewährleistet werden, dass Menschen mit Behinderungen einfach ein sicheres Leben haben. Darum geht es am Ende. In der Gesellschaft ist das Thema Behinderung noch nicht angekommen und dass es um Menschen geht, mit denen man auch reden kann und sollte. Ich glaube, wenn seitens des Staates mehr Aufklärung passieren würde – wozu sich auch in der UN-BRK verpflichtet wurde – würde sich die ganze prekäre Lage ein bisschen auflösen. Es würde auch mehr Menschen geben, die die Assistenz leisten wollen. Ich glaube, nur so kommen wir am Ende zu einer inklusiven Gesellschaft, in der wirklich alle gleichberechtigt teilhaben können.
Vielen Dank für das spannende Gespräch.
Das Interview wurde von Ela Yıldız vom Projekt „make it work!“ durchgeführt.
Quellen und Verweise:
- Mayrhofer, H., Schachner, A., Mandl, S. & Seidler, Y. (2019). Erfahrungen und Prävention von Gewalt an Menschen mit Behinderungen. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz.
- Kremsner, G. (2019). Damit unsere Betreuer wissen, wie die Rolle ist, wenn sie wirklich auf Hilfe angewiesen sind – biographische Erfahrungen zu Gewalt und Machtmissbrauch in Einrichtungen der Behindertenhilfe. DIFGB (Hrsg.), Institutionalisierte Macht und Gewalt Reflexionen und Herausforderungen im Kontext der Behindertenhilfe. Tagungsdokumentation, (S. 36–49)
- Bradl, C. (2022). Systemische Risiken für Gewalt und mangelnden Gewaltschutz in Einrichtungen der Behindertenhilfe bei erheblich herausforderndem Verhalten. Behindertenpädagogik, 61(4), (S. 358–383). https://doi.org/10.30820/0341-7301-2022-4-358
- Fitzsimons, N. M. (2009). Combating Violence & Abuse of People with Disabilities: A Call to Action. Paul H. Brookes Pub.
- Kailitz, S. (2008). Johan Galtung, Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Reinbek bei Hamburg 1975. In VS Verlag für Sozialwissenschaften eBooks (S. 133–136). https://doi.org/10.1007/978-3-531-90400-9_36
1. Peer-Beratung für Frauen* mit Behinderungen: Ninlil
2. Spezifisch für Frauen* mit Lernschwierigkeiten, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind: Kraftwerk
3. Peer-Streitschlichtung, Aufklärungsarbeit gegen strukturelle Gewalt in Institutionen, Versuchen Konflikte in Institutionen zwischen den Bewohner:innen, aber auch zwischen Mitarbeiter:innen und Bewohner:innen aufzulösen: Agentur Sonnenklar
Ergänzung zu den Infos aus Österreich
Interessenvertretungen in Deutschland:
- Starke.Frauen.Machen. – Bundesnetzwerk der Frauen-Beauftragten in Einrichtungen e. V. (Bundesweite Interessenvertretung von Frauen-Beauftragten in WfbM) https://www.starke-frauen-machen.de/
- Werkstatträte Deutschland e. V. (Bundesweite Interessenvertretung der Werkstatträte) https://www.werkstatträte-deutschland.de/
- Weibernetz e. V. Bundesnetzwerk von Frauen, Lesben und Mädchen mit Beeinträchtigung https://www.weibernetz.de/startseite.html
Beratungs- und Anlaufstellen (nicht flächendeckend und bundesweit vorhanden!)
- Suse hilft: Datenbank und Informationen zu Beratung und Schutz bei Gewalt in leichter Sprache https://www.suse-hilft.de/de/
suse: Fachliche Standards für Gewaltschutz
https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/frauen-und-maedchen-mit-behinderung.html
- Mutstelle Berlin: Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Menschen mit Lernschwierigkeiten https://www.lebenshilfe-berlin.de/de/beratung/ombudsstelle-sexualisierte-gewalt/
- Monitoring und Beschwerdestelle NRW https://www.lbbp.nrw.de/monitoring-und-beschwerdestelle
- BubL Bundesweite unabhängige Beschwerdestelle für die Lebenshilfe https://www.bubl.de/index.html