Sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch in Therapie und Beratung

Woran kann man Machtmissbrauch erkennen?

Oft handelt es sich beim Missbrauch in der Therapie um einen langsam entstehenden und schleichenden Prozess von beginnenden Grenzüberschreitungen bis hin zum offenen Missbrauch.

Während des laufenden Therapie- oder Beratungsprozesses ist es für Klientinnen oft sehr schwer, einen sich anbahnenden Missbrauch zu erkennen oder als solchen zu bewerten. Vielfach reden sich Frauen ein, dass entsprechende Sorgen, Zweifel oder Gefühle der Verwirrung über das Geschehen in der Therapie nur wieder Symptome dessen sind, was sie in die Therapie geführt hat. Oder es wird ihnen eingeredet.

Erste Anzeichen für eine Grenzauflösung können unter anderem folgende sein:

  • ein „familiäres“ Verhalten des Therapeuten/der Therapeutin (z.B. Abhalten von Therapiestunden in seinem/ihrem Wohnzimmer, Vorschläge, sich privat zu treffen, private Besuche und Geschenke durch den Therapeuten/die Therapeutin)
  • Abschließen des Behandlungszimmers während der Therapiesitzungen
  • eine bevorzugte Behandlung wie Zeitüberziehungen, kostenlose Extrasitzungen, Kostenermäßigungen und -erlass
  • vermehrte, häufige Komplimente oder Bemerkungen über Kleidung, Figur, Aussehen, Gebrauch von Kosenamen wie „Liebling“ oder „Schätzchen“ – auch wenn dies scheinbar scherzhaft gemeint ist
  • Einbringen persönlicher Schwierigkeiten wie Ehe- oder Beziehungsprobleme, eigener sexueller Erfahrungen oder Wünsche durch den Therapeuten oder die Therapeutin
  • erste „zufällige“ Berührungen.

In Therapien können natürlich Situationen entstehen, die Berührungen erfordern – nicht jede Berührung deutet auf einen Missbrauch, wie etwa Berührungen bei körpertherapeutischen Behandlungen oder ein tröstendes in-den-Arm-nehmen. Entscheidend ist das Motiv des Therapeuten/der Therapeutin.

Zunehmende Grenzauflösungen bzw. ein „verdeckter“ Missbrauch kann sich ausdrücken in einer Steigerung verbaler Übergriffe (z.B. Ausfragen nach sexuellen Phantasien, sexualisierte, auf den Therapeuten/die Therapeutin ausgerichtete Deutung von Träumen), einer Zunahme nonverbaler Übergriffe (z.B. zunehmende Aufhebung räumlicher Distanz in den Therapiesitzungen, sexualisierte Körpersprache usw.), Liebeserklärungen, Gespräche über mögliche gemeinsame sexuelle Kontakte und Schwierigkeiten, die damit verbunden sein könnten oder gar Erklärungen über die vermeintliche therapeutische Wirksamkeit sexueller Kontakte in der Therapie.

Grundsätzlich können Zweifel und Verwirrungen über das therapeutische Geschehen normale Reaktionen sein. Stehen sie aber im Zusammenhang mit dem Gefühl und der Wahrnehmung, dass der Therapeut oder die Therapeutin eigene (sexuelle) Interessen verfolgt und lassen sich diese Zweifel in der Therapie nicht ansprechen oder führt ein solches Gespräch nicht zur Klärung, dann ist Vorsicht geboten.