Mehrfachdiskriminierung

Was ist das?

Der Begriff Mehrfachdiskriminierung bezieht sich auf Erfahrungen von Menschen, die Diskriminierung (d.h. Ausgrenzung oder Benachteiligung) aus mehr als einem Grund erfahren.

Mit Diskriminierung ist die Benachteiligung einer Gruppe oder einer Einzelperson aufgrund von zugeschriebenen Gruppenmerkmalen gemeint. Diese Identitätsmerkmale müssen von den betroffenen Personen selbst nicht als solche wahrgenommen werden. D.h. die Personen müssen sich mit der Gruppe, als derenTeil sie diskriminiert werden, nicht unbedingt identifizieren. Grundlage von Diskriminierung ist außerdem immer eine Unterscheidung in „Wir“ und „die Anderen“, wobei „die Anderen“ zum Zwecke der Aufwertung der eigenen Gruppe abgewertet werden.

Jede Person gehört also gleichzeitig, bewusst oder unbewusst, selbstbestimmt oder zugeschrieben, immer verschiedenen sozialen Feldern an. Und auch Diskriminierung bezieht sich nicht immer nur auf ein (Identitäts)Merkmal der Person, die diskriminiert wird. So haben beispielsweise lesbische Frauen nicht nur eine sogenannte sexuelle Orientierung, sondern auch eine (oder mehrere) bestimmte (oder unbestimmte) geschlechtliche Identität(en), eine Herkunft, eine Hautfarbe, einen Körper mit einer bestimmten Befähigung oder Beeinträchtigung, bestimmte materielle Grundlagen usw.

Solche Mehrfachzugehörigkeiten bedeuten, dass Menschen auch mehrfach und in verschiedenen Formen diskriminiert werden (können). So sind lesbische Frauen nicht „nur“ von Homophobie, sondern bisweilen ebenso von Rassismus, Sexismus, Ableism (Diskriminierung aufgrund von Behinderung/Beeinträchtigung), Diskriminierung aufgrund der Religionszugehörigkeit, Ageism (Altersdiskriminierung), Klassismus (Diskriminierung aufgrund des sozialen Status), politisch motivierter Diskriminierung, Lookism (Diskriminierung aufgrund der Abweichung von normativen Schönheitsidealen) und Transphobie betroffen. Dabei geht es nicht darum Formen von Diskriminierung zu hierarchisieren, sondern darum anzuerkennen, dass Mehrfachdiskriminierung eine je spezifische Diskriminierungserfahrung für Betroffene ist.

Solche Erfahrungen sind nicht vergleichbar mit denen von Diskriminierung, die sich auf eine „einzige“ bestimmte Zugehörigkeit bezieht. Außerdem lassen sie sich meistens auch nicht einfach erklären, indem die Diskriminierungen einzelner Zugehörigkeiten schlicht addiert werden.

Bisher steht in Politik, Rechtspraxis, Forschung und auch Beratung der Blick auf Einzelzugehörigkeiten im Vordergrund. Solch ein eingeschränkter Fokus nimmt Bedürfnisse und Interessen von Mehrfachzugehörigkeiten nicht wahr und ignoriert die spezifischen Erfahrungen von Mehrfachdiskriminierung. Zudem birgt diese Einengung immer die Gefahr, Diskriminierungen gegeneinander aufzuwiegen. Es wird dann beispielsweise behauptet, dass Rassismus schlimmere Auswirkungen als Homophobie habe oder dass das Äußern von Erfahrungen mancher Diskriminierungen andere Problemlagen in den Hintergrund rücken würden.