Sexueller Missbrauch

Mythen/Tatsachen/Zahlen

Wie bei allen Formen sexualisierter Gewalt bestehen hartnäckige Mythen und Vorurteile auch hinsichtlich des sexuellen Missbrauchs. Sie erschweren die Prävention und den Umgang mit den Betroffenen. Es ist deshalb besonders wichtig, diesen Mythen Tatsachen entgegenzusetzen.

Mythos: Sexueller Missbrauch ist selten

Es ist eine weit verbreitete Ansicht, dass sexueller Missbrauch nur selten vorkommt. Tatsache hingegen ist, dass z.B. 2010 in der Polizeilichen Kriminalstatistik 11.867 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern erfasst wurden (§ 176, 176a, 176b StGB).
 
Diese Zahl spiegelt lediglich die angezeigten Fälle wider. KriminalistInnen und ForscherInnen setzen eine 6- bis 20-mal höhere Dunkelziffer an. Schwankungen der Dunkelfeldschätzungen gehen auf verschiedene zugrunde gelegte Definitionen des Missbrauchs, verschiedene zugrunde gelegte Altersdifferenzen zwischen Tätern und Opfern sowie unterschiedliche Forschungsmethoden zurück.
Die Hellfeldstatistik ist über Jahre mit Schwankungen relativ stabil. Schwankungen resultieren vermutlich eher aus einem unterschiedlichen Anzeigeverhalten denn aus einem tatsächlich unterschiedlichen Ausmaß des Missbrauchs in den verschiedenen Jahren.


Mythos: Die Täter sind meistens Fremde

In 9 von 10 Fällen kommt der Täter aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld des Kindes (z.B. Lehrer, Trainer, Freunde der Familie, Erzieher...). Zwischen 12 und 42% der von Missbrauch betroffenen Mädchen und zwischen 6 und 18% der betroffenen Jungen werden von Familienangehörigen missbraucht (siehe Täter/innen).

Mythos: Sexueller Missbrauch kommt hauptsächlich in unteren sozialen Schichten vor

Sexueller Missbrauch kommt in allen sozialen Schichten vor. Besonders gefährdet sind Mädchen und Jungen, die emotional vernachlässigt aufwachsen. Emotionale Vernachlässigung kommt in allen Gesellschaftsschichten vor.

Mädchen und Jungen, die schüchtern und isoliert erscheinen, werden von den Tätern als Opfer sehr genau auswählt, um nicht entdeckt zu werden. Das heißt jedoch nicht, dass selbstbewusste, aufgeschlossene Kinder nicht auch Opfer werden können.

Mythos: Sexueller Missbrauch ist die Tat von "abartig veranlagten Triebtätern"

Bei unter 5% der Täter wird im Zuge von Gerichtsverfahren über Gutachten eine psychische Störung diagnostiziert. Die restlichen Täter sind „normale Männer“, die gezielt und geplant vorgehen.

Mythos: Kinder und Jugendliche erleben sexuellen Missbrauch nur einmal

Bei etwa der Hälfte der Fälle handelt es sich um einmalige Handlungen, bei der anderen Hälfte um wiederholte Handlungen.

Mythos: Man darf Kindern ja nun nicht alles glauben....

Empirische Untersuchungen kommen übereinstimmend zum Ergebnis,
  • dass spontane Aussagen von Kindern bezüglich sexuellen Missbrauchs in 92 bis 95% aller Fälle glaubhaft sind und
  • dass Falschbeschuldigungen überwiegend von Erwachsenen ausgehen (z.B. falsche Deutungen von Verhaltensweisen und/ oder körperlichen Symptomen, Verdächtigungen im Zusammenhang mit Sorgerechtsstreitigkeiten).

Mythos: Kinder – besonders Mädchen – fordern die Männer ja oft geradezu heraus

Die meisten Kinder sind bei Beginn des Missbrauchs noch nicht einmal in der Pubertät: Bei über 80% der Fälle beginnt der Missbrauch im Alter zwischen 0 und 12 Jahren, eine Häufung findet sich in der Altersgruppe der 5- bis 8-Jährigen.

Selbstverständlich flirten Kinder. Tatsache ist aber, dass erwachsene Männer in der Lage sein müssen, zwischen ihrer Erwachsenensexualität und der des Kindes zu unterscheiden und Grenzen zu setzen.

Mythos: Sexueller Missbrauch passiert unter massiver Gewaltanwendung und hinterlässt klare Spuren

Diese Annahme trifft nur in den wenigsten Fällen zu. Oft gibt es keine eindeutigen Verletzungen am Körper und auch keine eindeutigen Verhaltenssymptome oder psychische Symptome, mit denen ein Missbrauch bewiesen werden könnte.

Mythos: „Kleine sexuelle Spielereien“ hinterlassen keine Schäden

In aller Regel hinterlassen Missbrauchshandlungen psychische Schäden, die langfristig bestehen können. Das Ausmaß der Schädigung ist von vielen Faktoren abhängig und bei jedem Kind individuell unterschiedlich.