Gewalt gegen Seniorinnen

Mythen/Tatsachen/Zahlen

Die Auswertung polizeilicher Kriminalstatistiken ergab, dass sexualisierte Gewalt im Alter hauptsächlich Frauen trifft, dies aber seltener als jüngere Frauen. Laut Dunkelfeldforschung wird davon ausgegangen, dass mit zunehmendem Alter der Betroffenen eine verstärkte Konzentration auf den sozialen Nahraum erfolgt. Dies bestätigt die Studie zur sexuellen Viktimisierung im Alter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachen (KFN).

Eine Befragung von Beratungseinrichtungen ergab, dass sexualisierte Gewalt gegen ältere Frauen zumeist von Partner/innen ausgeht.

Laut der repräsentativen Studie zur Lebensituation, Gewalt und Gesundheit von Frauen berichten ältere Frauen bezogen auf den ganzen Beziehungsverlauf seltener als jüngere Frauen, aber dennoch in relevanter Größenordnung über Erfahrungen von körperlicher oder sexualisierter Gewalt. Oft beginnt die Gewalt auch vor dem 60. Lebensjahr.

9 % der über 60- bis 74-jährigen Frauen, die in einer Paarbeziehung leben und 2,6 % der über 75-jährigen Frauen erfahren in ihrer aktuellen Partnerschaft mindestens einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt. Dies besagt die europäische Studie zu Partnergewalt gegen ältere Frauen "Intimate Partner Violence against older Women (IPVoW)" aus dem Jahr 2010.

Das Erleben psychischer Gewalt durch den/die aktuelle/n Partner/in ist relativ unabhängig vom Alter der Betroffenen. Auch ältere und alte Frauen sind häufig von psychischer Gewalt betroffen. Die Gruppe der 60- bis 74-Jährigen stellt dabei eine stark belastete Altersgruppe dar (17,6 %).

Eine aktuelle Studie aus Großbritannien, die alle polizeilich dokumentierten Fälle sexueller Gewalt gegen Frauen ab 60 Jahren aus einem Zeitraum von 5 Jahren auswertet, gibt hingegen Bekannte der Betroffenen als häufigste Tätergruppe an, noch vor (Ex-)Partner/innen. Wie in den anderen Altersgruppen sind die Täter/innen auch hier meistens männlich und die Übergriffe finden vor allem in Situationen häuslicher Gewalt statt. Auffällig ist, dass die Gewalt meist von jüngeren Personen ausgeht, wobei 12% der dokumentierten Übergriffe von Betreuungs- und Pflegepersonal verübt wurden. Die Statistik geht davon aus, dass in dieser Altersgruppe nur ca. 15% der sexuellen Übergriffe und Vergewaltigungen dokumentiert werden.

Dabei muss berücksichtigt werden, dass ältere Frauen oftmals weniger bereit sind, über Gewalterfahrungen zu reden und diese Erfahrungen zugleich auch lange Zeit zurückliegen können.

Die europäische Daphne-Studie „Intimate Partner Violence Against Older Women“ (Partnergewalt gegen ältere Frauen) stellt verschiedene Defizite im Umgang mit dem Thema Gewalt gegen alte und ältere Frauen fest. So sei diese Problematik in den meisten Untersuchungsländern fast unsichtbar. Ältere Gewaltbetroffene würden kaum berücksichtigt, da wenig Bewusstsein für das Thema herrsche und der Wissensstand niedrig sei. Dementsprechend gebe es kaum angemessene Hilfsangebote.

Inanspruchnahme von Hilfe

Gewaltbetroffene ältere Frauen wissen seltener als jüngere von Hilfsangeboten und nehmen diese auch seltener in Anspruch. Insgesamt nimmt nur ein geringer Anteil der gewaltbetroffenen Frauen Hilfen in Anspruch, so nur 2 bis 5 % der betroffenen Frauen im Alter von 55 bis 74 Jahren. Die über 75-Jährigen gewaltbetroffenen Frauen nehmen Hilfen so gut wie nicht in Anspruch.

Scheinbar vergessene Erinnerungen können im Alter zurückkehren. Das liegt auch daran, dass aufgrund der Berentung mehr „untätige“ Zeit zum Nachdenken gegeben ist. Verstärkt wird dies dadurch, dass mit zunehmendem Alter die Selbständigkeit im Alltag langsam abnimmt und auch die körperlichen Fähigkeiten weniger werden. Zugleich können auch die geistigen und seelischen Kräfte nachlassen, die die belastenden Erlebnisse bislang abgewehrt haben.

Verdrängte traumatische Erlebnisse aus der Lebensbiographie können mit unerwarteter Heftigkeit zum Vorschein kommen. Eine Reaktivierung des Traumas ist dann zu befürchten, wenn sich die Lebensumstände von Menschen stark verändern oder wenn bestimmte Reize Erinnerungen an das Erlebte wecken.

Ältere Frauen mit Gewalterfahrungen finden seltener Unterstützung im Hilfesystem als jüngere Frauen. Dem Zugang zu Hilfsangeboten steht entgegen, dass im Alter die Fähigkeiten geringer werden, aus eigener Initiative Hilfe zu suchen. Zudem geht mit dem Alter eine Verringerung der Veränderungsoptionen der Opfer einher. Die Chancen, materielle und soziale Folgen einer Trennung bei Partnergewalt aufzufangen, sind im Alter geringer. Ältere Frauen trennen sich seltener von gewalttätigen Partnern und sie erstatten seltener Anzeige.