Forderungen zur umfassenden medizinischen Versorgung Gewaltbetroffener

Der bff hat ein Forderungspapier mit Fallbespielen von Betroffenen aus der Beratungspraxis der Fachberatungsstellen veröffentlicht. Das zielt darauf ab, die mangelnde medizinische Versorgung nach erlebter Gewalt in den Mittelpunkt zu stellen und stärker in die aktuelle Debatte zur flächendeckenden Umsetzung der vertraulichen Spurensicherung einzubringen.

Versorgungslücken schließen - medizinische Behandlung nach Gewalt sicherstellen

Die neue Regelung im SGB V berücksichtigt ausschließlich die vertrauliche Spurensicherung. Die wichtige traumasensible, medizinische Versorgung nach sexualisierter und körperlicher Gewalt ist im Gesetz nicht aufgenommen - in der Annahme, dass diese in Deutschland überall ausreichend gewährleistet ist. Das ist nicht der Fall! Zudem muss beachtet werden, dass nicht alle Betroffenen die gleichen Bedürfnisse haben. Es kann sein, dass eine Sprachmittlung notwendig ist oder die Bedarfe von Personen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen sichergestellt werden müssen. Außerdem muss es Möglichkeiten für eine Behandlung von Betroffenen ohne Aufenthaltstitel oder ohne Krankenversicherung geben.

Die medizinische Versorgung ist Voraussetzung für die Gesundung von Betroffenen und für eine sachdienliche Befunddokumentation und Spurensicherung.

Strukturelle Probleme

Strukturelle Probleme, wie die mangelnde finanzielle und personelle Ausstattung von Krankenhäusern, sind seit der Pandemie verstärkt öffentlich thematisiert worden. Es fehlt jedoch ein Fokus auf die Frauengesundheit. Die schlechte Ausstattung wirkt sich direkt auf die von Gewalt betroffenen Personen aus. Eine zeitnahe medizinische Erstbehandlung und bei Bedarf Spurensicherung sind besonders wichtig, wie die Fallbeispiele der Betroffenen zeigen. Die umfassende gesundheitliche Versorgung nach erlebter Gewalt stellt die Grundvoraussetzung dafür dar, dass Betroffene gut gesunden können, und dass – bei Bedarf – gebotene rechtliche Schritte eingeleitet werden.

An vielen Orten fehlt es an wohnortsnahen Angeboten, die rund um die Uhr erreichbar sind. Zudem sind Personal und Krankenhausverwaltungen häufig nicht ausreichend auf Fälle sexualisierter und häuslicher Gewalt vorbereitet, da standardisierte Handlungsabläufe fehlen oder zu wenig bekannt sind. Wenn eine medizinische Versorgung und Spurensicherung nicht in einem Krankenhaus, also an einem Ort, verfügbar sind, wird oft eines der beiden nicht aufgesucht, da dafür die psychische Belastung der Betroffenen zu hoch ist. Deshalb fordert der bff, dass endlich die Bedürfnisse von Betroffenen geschlechtsspezifischer Gewalt in den Mittelpunkt gestellt werden, so wie es die Istanbul-Konvention verlangt.

Das Nebeneinander von medizinischer, rechtsmedizinischer und psychosozialer Versorgung ist zentrale Voraussetzung dafür, dass Betroffene sich für eine vertrauliche Spurensicherung und ggf. spätere Strafanzeige entscheiden können. Das heißt, es braucht eine Versorgungsstruktur, die ganzheitlich angelegt ist und somit all das umfasst. Der Zugang zu Versorgungsangeboten muss gut erreichbar, traumasensibel, barriere- und diskriminierungsfrei gestaltet sein.