Suse - sicher und selbstbestimmt

Bestandsaufnahme und Handlungsbedarf

„Das war für mich alltäglich … , dass körperliche Gewalt und auch geistige Gewalt einfach zum Leben gehört und ich mir da auch nie Gedanken drüber gemacht hab.“ Ein Zitat einer Interviewpartnerin mit Behinderung in der Studie „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“.

2012 hat die Universität Bielefeld mit dieser Studie und ihren erstmals repräsentativen Zahlen das ganze Ausmaß der Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit Behinderung sichtbar gemacht. Etwa jede zweite Frau mit Behinderung erlebt sexualisierte Gewalt in Kindheit, Jugend oder als Erwachsene. Fast doppelt so häufig wie nichtbehinderte Frauen erfahren behinderte Frauen körperliche und psychische Gewalt. Besonders betroffen sind gehörlose Frauen, Frauen, die in Behinderteneinrichtungen leben und Frauen mit Lernschwierigkeiten. Die Studie scheint wie ein Weckruf für viele Medien und Akteure in Politik und Behindertenhilfe gewirkt zu haben. Dennoch gibt es bisher nicht viele konkrete Gegenmaßnahmen. Was viele  mindestens genauso erschreckt wie die hohe Zahl der Betroffenen: Behinderte Frauen und Mädchen, die Gewalt erlebt haben, kommen noch zu selten an im Unterstützungssystem der Anti-Gewalt-Arbeit.

Projektstart Suse

Genau hier anzusetzen und den Weg in die Beratung auch für Frauen mit Behinderung zu öffnen, daran arbeitet der bff schon seit einigen Jahren. Jetzt gibt es unter dem Dach des bff ein neues Projekt zu diesem Thema: „Suse – sicher und selbstbestimmt. Frauen und Mädchen mit Behinderungen stärken“. Das Projekt mit einer Laufzeit von drei Jahren hat am 1. Januar 2014 begonnen. Die Aktion Mensch finanziert das Projekt und hat es daher möglich gemacht, Teilzeitstellen in der Geschäftsstelle für die Arbeit zum Thema Frauen und Mädchen mit Behinderungen weiter zu sichern. Katharina Göpner und Rebecca Maskos sind vielen schon aus dem Projekt „Zugang für alle!“ bekannt. Mit Suse wollen sie nun einen neuen Schwerpunkt in der Arbeit setzen und vor allem die Vernetzung der einzelnen Akteur/innen und Aufklärung über das Thema voranbringen.

Projektende Zugang für alle!

Das Projekt „Zugang für alle!“ hat dafür schon gute Vorarbeit geleistet. Bereits im Jahr 2010 hatte der bff das Projekt ins Leben gerufen. „Zugang für alle!“ hat bis Ende 2013 daran gearbeitet, den Weg für Frauen mit Behinderungen in die Beratung barrierefreier zu machen, für ihre Lebenssituation zu sensibilisieren, Aufklärungs- und Lobbyarbeit zu leisten. Entstanden sind eine Menge Materialien zum Thema Barrierefreiheit, zur Unterstützung und Beratung von betroffenen Frauen und Mädchen sowie spezielle Informationen für sie, zum Beispiel in Leichter Sprache oder in Braille-Schrift. „Zugang für alle!“ hat Beratungsstellen und Notrufe beraten, auf Fachtagungen über das Thema informiert und in verschiedenen bundespolitischen Gremien Lobbyarbeit für die Rechte behinderter Frauen und Mädchen und die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention geleistet. Diese fordert an vielen Stellen explizit den Schutz vor Gewalt und die Einhaltung der Menschenrechte von Frauen mit Behinderung ein.

Die aktuelle Situation in den Fachberatungsstellen

Nicht erst seit „Zugang für alle!“ beschäftigen sich viele bff-Beratungsstellen mit dem Thema Barrierefreiheit. „Zugang für alle!“ hat aber in den letzten Jahren noch mehr Aufmerksamkeit für das Thema geschaffen: In einer Umfrage unter den bff-Mitgliedern gaben zum Beispiel rund 60 Prozent an, Materialien in Leichter Sprache zu nutzen, und rund zwei Drittel, auch in Leichter Sprache zu beraten. 22 Prozent der bff-Beratungsorte sind zugänglich für Frauen im Rollstuhl, und immerhin rund 27 Prozent haben teilweise barrierefreie Räumlichkeiten. Doch es bleibt noch viel zu tun. Immer noch gibt es nur wenige Angebote für blinde und gehörlose Frauen. Die Unsicherheiten, wie barrierefreie Umbauten, Gebärdendolmetscherinnen und andere Unterstützungen finanziert werden können, sind nach wie vor groß. Auch suse wird das Thema Barrierefreiheit im Blick behalten, informieren und unterstützen, und auch die Lobbyarbeit weiter vorantreiben.

Doch vor allem ein Problem konnte bisher mit „Zugang für alle!“ nur unzureichend angegangen werden: Die Angebote der Fachberatungsstellen scheinen die betroffenen Frauen in vielen Regionen oft noch nicht zu erreichen. Viele betroffene Frauen wissen nichts über die Angebote und dass diese auch ihnen offenstehen: “Ich wusste nicht, dass Beratungsstellen für Frauen auch für mich da sind”, sagte eine gewaltbetroffene Frau mit Behinderung, die sich an den bff gewandt hatte. Vielfach unterschätzt auch das Umfeld behinderter Frauen, wie stark sie von Gewalt betroffen sind. Auch Angehörige, Freund/innen sowie Betreuer/innen und Lehrer/innen in Behinderteneinrichtungen kennen oft die Angebote der Fachberatungsstellen vor Ort nicht und vermitteln so keinen Kontakt.

"Jetzt ist unsere Beratungsstelle barrierefrei, aber es kommen immer noch keine behinderten Frauen zu uns" - so formulierte es eine bff-Fachberaterin. Und eine Mitarbeiterin aus der Behindertenhilfe ergänzte: „Fachkräfte aus der Behindertenhilfe kennen sich zu wenig mit Gewaltdynamiken aus. Fachkräfte aus der Anti-Gewaltarbeit kennen sich zu wenig mit Behinderung aus.“

Suse will daran arbeiten, dass sich das ändert.

Die Ergebnisse der Studie zur "Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland" in Alltagssprache und Leichter Sprache: