Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit Behinderung

Belastungen und Risikofaktoren

Die Lebensbedingungen von behinderten Frauen und Mädchen unterscheiden sich oftmals von denen nichtbehinderter Frauen. Zu spezifischen Risikofaktoren zählen unter anderem:

  • Sozialisationbedingungen
  • Assistenz und Pflege
  • Leben in Institutionen

Sozialisation

Die Sozialisationsbedingungen von Mädchen und Jungen mit Behinderung unterscheiden sich von denen Nichtbehinderter. Die Identität, der Selbstwert und das Selbstbewusstsein von Menschen entwickeln sich in Abhängigkeit von der sozialen Umgebung. Menschen mit Behinderung werden häufig jedoch nicht als Personen mit individuellen Fähigkeiten, sondern primär als behindert wahrgenommen. Dies hat negative Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung, denn diese hängt sehr stark von der eigenen Wahrnehmung und Bewertung der Behinderung und zugleich der Bewertung durch andere ab.

Vor allem Mädchen und Frauen mit Behinderung werden im Verlauf ihrer Sozialisation stark zur Anpassung erzogen. Für viele ist es schwer, Bedürfnisse auszusprechen oder durchzusetzen. Bei behinderten Mädchen und Frauen tritt zugleich die Geschlechtsidentität  hinter der Behinderung zurück; sie gelten bestehenden Schönheitsidealen nach als unattraktiv und je sichtbarer die Behinderung ist, als desto „geschlechtsloser“ werden Frauen wahrgenommen.

Assistenz und Pflege

Mädchen und Frauen mit Behinderungen sind in ihrem Leben von der Hilfe und Unterstützung durch andere Personen abhängig. Diese Assistenz und Pflege wird in den meisten Fällen von Familienangehörigen, Partner/innen oder externen Professionellen erbracht und geht mit einer sehr intimen körperlichen Nähe einher. In Pflege- und Betreuungssituationen kommt es nicht selten zu Grenzverletzungen und Übergriffen.
 
Auch bei medizinischen Untersuchungen und therapeutischen Maßnahmen, die Mädchen und Frauen mit Behinderung viel häufiger als Nichtbehinderte in Anspruch nehmen müssen, kann es zu Grenzüberschreitungen und Übergriffen kommen.
 
 

Leben in Institutionen

Einige Mädchen und Frauen mit Behinderung leben schon seit Kindesalter in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Lange Zeit galten solche Institutionen als besonders geschützte Räume, in denen demnach auch keine Übergriffe und Gewalt stattfinden würden. Dieses Bild hat sich inzwischen geändert, denn die Realität ist eine andere.

In einigen Wohnheimen oder Werkstätten für Menschen mit Behinderungen ist ein selbstbestimmtes Leben aufgrund alltäglicher Reglementierungen schwer möglich. So gibt es z.T. noch immer Mehrbett- oder nicht abschließbare Zimmer oder Waschräume, die eine Intimsphäre und auch gelebte Sexualität nur sehr begrenzt ermöglichen.

Die Ergebnisse der aktuellen Studie zur Gewaltbetroffenheit behinderter Frauen in Deutschland (2011) belegen, dass etwa 20% der Frauen in Einrichtungen kein eigenes Zimmer haben und ebenso viele Wasch- und Toilettenräume nicht abschließen können. Mädchen und Frauen (aber auch Jungen und Männer) mit Behinderungen, die in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe leben und auf Pflege angewiesen sind, können außerdem meist nicht selbst entschieden, wer pflegen soll und wer nicht. 

So kommt es innerhalb von Einrichtungen immer wieder zu gewaltvollen Übergriffen durch Mitbewohner/innen und Betreuungspersonal. Die Strukturen der Einrichtungen erleichtern Übergriffe und verringern die Gefahr der Aufdeckung von Gewalt. Die Abhängigkeit von Mitarbeitenden ist in Einrichtungen sehr groß; es besteht ein Machtgefälle im Betreuungsverhältnis. Dieses Machtverhältnis erschwert es zugleich, über Gewalterfahrungen zu reden.

In einigen Einrichtungen gibt es bisher wenige Erfahrungen im Umgang mit Gewalt und wenig Wissen über mögliche Folgen und dementsprechend wenig Angebote zur Prävention von Gewalt. Auf Seiten der Mitarbeiter/innen bestehen oft noch Ängste und Unsicherheiten, was zu tun ist. Inzwischen gibt es aber immer mehr positive Veränderungen: Das Bewusstsein über die notwendige Unterstützung und Hilfe gewaltbetroffener behinderter Mädchen und Frauen wächst. In den ersten Werkstätten und Wohnheimen für Menschen mit Behinderungen arbeiten Frauenbeauftragte, die als Frauen mit Behinderung Ansprechpartnerinnen sind. Einige Einrichtungen haben Konzepte zum Umgang mit sexualisierter Gewalt erarbeitet.